Die Stanzen des Raffael sind Gemächer im Apostolischen Palast, die von Raffael und seiner Schule ausgemalt wurden. Ursprünglich von Julius II. (1503-1513) ab 1508 für seine Gemächer im zweiten Stock des Vatikanspalast in Auftrag gegeben, wurden die Fresken von Raffael und seinen Mitarbeitern unter dem Patronat des Papst Leo X. (1513-1521) bis 1524 weitergeführt. Die vier Räume werden heute nach ihren Hauptthemen bezeichnet: die Sala di Costantino, die Stanza di Eliodoro, die Stanza della Segnatura und die Stanza dell?incendio di Borgo. Insgesamt sind die Fresken Raffaels als Ausdruck des Glaubens an den Triumph des Christentums und als ein Willensbekenntnis des politischen Anspruchs auf die Suprematie des Papsttums gegenüber weltlicher Herrschaft zu lesen. Der größte und für die offiziellen Empfänge gedachte Raum ist die Sala di Costantino, in der vier Szenen aus dem Leben des Kaisers Konstantin (306-337 n. Chr.) gemalt wurden: Bestimmende Themen sind hier wie auch in den anderen Räumen der Sieg der Christenheit über das Heidentum und der Triumph des ?wahren? Glaubens, die in der Erscheinung des Kreuzes, der Schlacht an der Milvischen Brücke, der Taufe Konstantins und der Schenkung Roms dargestellt wurden. Papstfiguren und Tugend-Allegorien dekorieren den Raum und das Sockelgeschoß. Der zweite Raum, der unter Julius II. als Saal für Privataudienzen gedient hatte, wird mit Stanza di Eliodoro bezeichnet; die Fresken haben ebenfalls eine politische Ausrichtung und zielen auf den gottgegebenen Reichtum und die Unabhängigkeit des Papsttums ab, die vor dem Hintergrund der Italienfeldzüge Frankreichs in Gefahr waren. Die Stanza della Segnatura, der erste, 1508-1511 von Raffael ausgemalte Saal der vier Räume, beherbergt die berühmtesten Fresken Raffaels, die einen Markstein in der Malerei der Hochrenaissance darstellen. Der Name des ursprünglich als Studierzimmer genutzten Raumes rührt von seiner Funktion unter Julius II., der dort die höchste päpstliche Gerichtsbarkeit, die Segnatura Gratiae et Iustitiae, unter seinem Vorsitz versammelte. Die bestimmenden Themen des Raumes sind die ?drei höchsten Prinzipien des menschlichen Geistes?: das Wahre, das Gute und das Schöne. Das Bild des Borgobrandes zeigt Papst Leo IV. (847-855), der durch seinen Segen den Brand im Nachbarviertel des Vatikan, dem Borgo, löscht und damit Stadt und Kirche rettet. Anspielungen auf die seit Jahrzehnten in Südosteuropa tobenden und nach dem Fall von Konstantinopel nun in Ungarn wütenden Türkenkrieg sind hier nicht zu übersehen. Das Thema des Kreuzzugs bzw. des Kampfes gegen die Ungläubigen und des Schutzes der Gläubigen steht auch im Mittelpunkt des Bildes der Seeschlacht von Ostia, in der die Truppen Leos IV. die feindlichen Sarazenen vernichtend schlagen. Alle in diesem Raum gezeigten Szenen nehmen Bezug auf die wichtigsten Taten der Namensvorgänger Leos X., der sich mit seinen Gesichtszügen in ihren Figuren darstellen lässt und damit eine ideelle Vereinigung seiner Vorgänger mit seinem Pontifikat verbildlicht.
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